„Anne Frank“ am K-A-G - prämiert für die Auseinandersetzung mit einem historischen Thema!

„Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch aufhören, einmal werden wir auch wieder Menschen und nicht allein Juden sein.“

Es ist der 29. Juni 2019. Die Aula des Konrad-Adenauer-Gymnasiums (K-A-G) ist gut gefüllt, denn gleich wird der Literaturkurs „Anne Frank“ aufführen. Draußen herrschen tropische Temperaturen und trotz abgedunkelter Fenster schafft man es nicht zu verhindern, dass sich die Aula aufheizt. „Es wird warm werden hier“, sagt auch Markus Pytlik, Leiter des Literaturkurses Theater, vor Beginn des Stückes. „Doch bedenken Sie, Sie können in der Pause einfach rausgehen. Anne konnte das nicht. Sie lebte für zwei Jahre abgeschieden im Hinterhaus.“

Keine sehr fröhliche Ankündigung des Theaterstückes. Aber die Geschichte Anne Franks ist auch ein ernstes Thema. Nichts, worüber man sich lustig machen sollte. Deswegen wünscht Pytlik dem Publikum an dem Abend auch „kein Vergnügen“, sondern dass es etwas mitnimmt und aus der Geschichte lernt.

Anne Frank (Melanie Ciesinski) musste sich zwei Jahre im Hinterhaus gemeinsam mit ihrer Familie, den van Daans und dem Zahnarzt Alfred Dussel (Tom Geuer) verstecken. Sie durfte tagsüber keinen Laut machen, die Schuhe mussten ausgezogen werden und die Toilettenspülung durfte nicht betätigt werden. Es gab wenig Platz und sie musste sich ein Zimmer mit Herrn Dussel, einem erwachsenen Mann, teilen.

Im Hinterhaus​​​​​​

Es ist zu laut

Doch so depressiv das nun alles klingen mag, wer jetzt denkt, dass es rundum kein schöner Abend war, der liegt falsch. Denn auf atemberaubende Weise schaffte der Kurs es, die Geschichte ohne jegliche Euphemismen darzustellen, aber auch die lichten Momente während Annes Zeit im Hinterhaus einzubinden. Sie ist so ein fröhliches Mädchen und ihre ersten Worte, als sie das Hinterhaus betritt, sind nicht traurig, sondern sie freut sich, dass so viele Menschen da sind, und meint, dass es sein wird wie bei einer großen Familie. Melanie Ciesinski schafft es, diese kindliche Freude Annes perfekt darzustellen. Auch dass Anne für ihr Alter schon sehr reif war und genau verstand, was in der Welt draußen vor sich ging, kommt beim Zuschauer an. Außerdem sorgt Petronella van Daan (Gina Schemiger) durch ihre eingebildete Art für den ein oder anderen Lacher, beispielsweise wenn sie sich wünscht Otto Frank (Annika Rücker) vor ihrem eigenen Mann (Sarah Schapitz) kennengelernt zu haben. Auch hier wurde mit Gina Schemiger eine Darstellerin gewählt, die auf der Bühne zu dieser Person wird und sie so überzeugend verkörpert. Mit jedem Satz kann man spüren, wie schrecklich sie die Situation im Hinterhaus findet, wie sehr sie an ihrem Pelzmantel hängt und für wieviel besser sie sich selbst hält.

Der Literaturkurs besteht jedoch nicht nur aus acht Leuten, sondern aus 23. Zu viele, um nur Annes Geschichte im Hinterhaus zu erzählen. Daher erfand Markus Pytlik das „Vorderhaus“. In diesem werden Beiträge dargestellt, die die damalige und aktuelle Relevanz des Themas Rassismus aufzeigen. So wird das Sophie Scholl Verhör gespielt, #MeTwo-Zitate werden vorgetragen und eine Nazi-Rede wird gehalten. Zuerst führte dieses „Vorderhaus“ zu Problemen. Keiner wollte in diesem spielen. Keiner wollte die Nazi-Rede halten. Die Schüler waren unsicher, wie Pytlik erklärt. Dürfen sie das überhaupt sagen? Dürfen sie überhaupt ein Hakenkreuz tragen?

die Schauspieler

Am Ende konnte Pytlik seine SchülerInnen doch für die Idee des Vorderhauses gewinnen und sogar die Nazi-Rede wurde mit einer Autorität dargestellt, die dem Zuschauer das Blut in den Adern gefrieren ließ. Mangelt es der einen an Kraft in der Stimme, so glich der andere es durch sein Auftreten aus.

Gleiches gilt für das Sophie-Scholl-Verhör. Besonderen Eindruck hinterlässt dabei, dass die Richter aus verschiedenen Ecken des Raumes sprechen. Auf der Bühne ist nur Sophie Scholl (dargestellt durch drei Schülerinnen), die dadurch umso mehr schuldig und verlassen wirkt. Während der Verkündung des Urteils bewegt sich eine Richterin (Clara Neumann) von hinten im Saal auf die Bühne zu, was zur Ernsthaftigkeit und Bedrohlichkeit der Situation beiträgt.

Erwähnenswert ist auch der Auschwitz Prozess, der als Küchenszene dargestellt wird. Die Staatsanwältin schlürft während der Befragung ihren Tee und die Richterin tritt als Hausfrau auf. Der Angeklagte Mulka hingegen wird als Kind dargestellt, ebenso der Zeuge. Mit diesem Kontrast zwischen der eher lustigen Inszenierung und dem eigentlich ernsten Inhalt verwirrt der Kurs das Publikum und regt zum Nachdenken an. Zudem könnte mit dieser Szene Kritik an dem Umgang mit der NS-Zeit geübt werden.

Doch auch die anderen Szenen wie die Präsentation der „Todesfuge“, einem Gedicht von Paul Celan über die Situation in den Konzentrationslagern, eines Polit-Talks mit verschiedenen Politikern u.a. Angela Merkel (Clara Leibrock) und das Nachspielen einer Schulszene im Anne-Frank-Haus, bei der die SchülerInnen überlegen sollten, wie ihr Tag aussähe, wenn die Judengesetze auch für sie gelten würden, liefen beinahe fehlerlos über die Bühne. Gab es bei dem Polit-Talk einen kurzen Hänger, so ging es danach umso überzeugender weiter, so dass man sich fragte, ob man sich den Hänger nur eingebildet hatte.

Todesfuge​​​​​​

Talkshow

Zum Schluss berührte ein Monolog Otto Franks die Zuschauer, in dem er darlegte, was aus den Mitgliedern im Hinterhaus geworden war. Den Zuschauern standen die Tränen ins Gesicht geschrieben. Danach folgte bahnbrechender Applaus.

Den gebührenden Ruhm für seine Inszenierung bekam der Kurs am 29. Juni bei der Verleihung der Preise des Bergischen Theaterwettbewerbs, an dem er zuvor mit einigen Szenen teilgenommen hatte. Er gewann den Sonderpreis in der Kategorie „Damals“, der vom Walder Werbering gestiftet wurde. Theater sei die Auseinandersetzung mit Geschichte, der kluge Gedankenaustausch und sich zu wehren, erklärt der Redner der Laudatien. (Text der Laudatio)

Genau das tut diese Inszenierung. Sie bringt den SchülerInnen und Eltern die Geschichte Anne Franks näher und regt zum aktiven Nachdenken an.

Insgesamt war die Aufführung ein überaus gelungener Abend, der beides schafft: dem Zuschauer das schreckliche Geschehen vor Augen zu führen und zum Nachdenken anzuregen, aber auch zu beeindrucken und zu begeistern. Und auch Anne schafft dadurch das, was sie in ihrem Tagebuch niederschrieb:

„Oh ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.“

 

Franka Nordmann (Q1)