Freiraum für Begabung

Hochbegabung – Ein Wort, das in unserer Gesellschaft häufig gebraucht und fast noch häufiger missbraucht wird. Kinder mit hoher oder besonderer Begabung werden im Schulsystem oft nicht ausreichend gefordert oder ihre Begabung findet im standardisierten Schulsystem keinen Platz.

Schüler im Enrichment-Kurs

 

Genau an dieser Stelle knüpfen Enrichment-Kurse an. Nachdem letztes Jahr ein Pilotprojekt in den siebten Klassen erfolgreich verlief, wurden diese nun in den sechsten und achten Klassen eingeführt. Hier dürfen Schüler zu einem von ihnen gewählten Thema arbeiten. Dabei ist ihnen freie Wahl möglich. Ob Medizin, Astronomie, Mode oder Technik, die Computerbildschirme spiegeln die vielfältigen Interessen der Schüler. Das Ziel des Kurses ist eine Präsentation des Themas am Ende des Schuljahres.

Geleitet werden die Kurse von Stephan Schwanke, der seit 2013 höhere Begabungen am K-A-G fördert. Er hat eine zusätzliche ECHA-Ausbildung (European Council for High Ability) und ist zudem abgeordnet an die Uni Münster. Dort arbeitet er in einem Think Tank mit anderen Lehrkräften und Forschern zusammen. Diese Expertengruppen beraten sich zu neuen Methoden der Begabtenförderung. 

So kam er auch darauf, das Konzept der Enrichment-Kurse ans K-A-G zu bringen. Da es nur einen Kurs pro Jahrgang gibt, müssen die Kinder von ihren Lehrern ausgewählt werden. Bei dem Pilotprojekt habe man sich nur nach den Zeugnisnoten gerichtet, sagt Herr Schwanke. „Aber das war als Kriterium nicht ausreichend. Niemand sollte vom Kurs ausgeschlossen werden, weil er in irgendeinem Fach eine 3 hat. Stattdessen versuchen wir jetzt, interessante Zeugnisse zu finden. Natürlich beraten wir uns auch mit dem Kollegium.“ Die endgültige Auswahl wird dann von Herr Schwanke und Frau Stiebel, ebenfalls Koordinatorin für individuelle Förderung, getroffen.

So findet sich ein Kurs aus ungefähr 20 Schülern zusammen. Herr Schwanke beschreibt ihre Projekte als „kleine Facharbeit“. Die Kinder lesen anspruchsvolle Texte aus Bereichen der Technik, Philosophie oder Medizin. Sie führen außerdem Umfragen durch und interviewen Experten. Ihre Arbeit führen sie größtenteils selbstständig durch. „Ich bin da meistens nur der IT-Berater“, scherzt Herr Schwanke.

Sofia aus der sechsten Klasse arbeitet zum Beispiel am Thema Alzheimer. Sie erzählt mir, dass sie eine Befragung zum Thema „Was ist Alzheimer?“ in den fünften und sechsten Klassen durchgeführt hat. „Ich war überrascht, wie viele genau wussten, was das ist. Sehr viele haben Familienmitglieder mit Alzheimer“, erklärt sie mir. Sofia hat sich außerdem mit einer Oberärztin über ihr Thema unterhalten und recherchiert nun den Ablauf der Krankheit.

Das Konzept der Enrichment-Kurse soll in den nächsten 10 Jahren bundesweit verbreitet werden. Herr Schwanke hält diese Entwicklung für äußerst wichtig. Für ihn seien die heutigen Schüler die Problemlöser von morgen. Sie werden Antworten auf ganz neue Fragen finden müssen. Am liebsten würde er die Kurse in allen Stufen einführen. Es sei schade, wenn man acht oder neun Jahre lang zur Schule gehe, ohne seine Begabung zu finden. „Denn jeder hat eine Begabung, irgendetwas, was er besonders gut kann. Und jeder sollte eine Chance bekommen, gefördert zu werden.“  

Lena Riemer (Q1)